Erstellt am 11. Juli 2005
Abgelegt in der Kategorie Mitch's Welt von Mitch

Ich bin einer der Menschen die nicht wegen öffentlichen Verkehrsmitteln rennen. Und schon gar nicht in der Stadt. Damit scheine ich zu einer Minderheit zu gehören. Immer wenn ich mit Freunden irgendwo hin fahren will, rennt plötzlich die ganze Truppe los und schreit dabei irgendwas von wegen “Schnell, die Bahn kriegen wir noch”. Um dann nach wenigen Metern festzustellen dass ich nicht mit laufe. Irritierte Blicke, dann der Versuch mich umzustimmen: “Hey, komm schon sonst verpassen wir die Bahn!”. Als ob mir das nicht klar wäre.

Warum sollte ich für ein Verkehrsmitteln rennen das im Zweifelsfall alle zehn Minuten fährt? Und das vermutlich sowieso in dem Moment Gas gibt in dem man gerade hechelnd ankommt. Straßenbahnfahrer sind nämlich genauso gehässig wie Ampeln! Das macht doch keinen Sinn. Aber die meisten Leute scheinen das anders zu sehen…

In München habe ich das ganz extrem erlebt: Die U-Bahn Stuntmen. Selbst an der zentralsten Station, wo alle Richtungen im 5-Minuten-Takt bedient werden, vollbringen die Leute unglaubliche Sprints um diese Minuten nicht warten zu müssen. Der beginnt meist schon oben an der Rolltreppe, da werden immer drei (Anfänger) bis sechs (Profis) Stufen auf einmal genommen! Unten auf dem Bahnsteig angekommen wird der Oberkörper so weit nach vorne gebeugt dass die Schwerkraft entsetzt wegschaut. Mit zum Handkantenschlag gestreckten Händen wird die Luft mit einem zischenden Geräusch geteilt und die Lackschühchen der Anzugträger klackern über den Beton dass die Riverdancer Tränen in die Augen bekommen. Und dann, mit einem letzten kleinen Hopser, landen sie in der Bahn. Kurz bevor die Türe schließt.

Den besten Stunt den ich dort sah hat ein junges Mädel gemacht. Ich saß bereits in der Bahn als ich sie mit wehendem Haar die Rolltreppe runterjagen sah. Sie schaffte vier Stufen auf einmal, hätte aber bei ausreichender Körpergröße locker die Profigrenze erreicht. Als sie nur noch wenige Meter von der Tür entfernt war begann diese sich zu schließen. Ich dachte mir schon das war’s dann wohl aber das Mädchen gab nicht auf. Das hübsche Gesicht vor Anstrengung zu einer Grimasse verzerrt schaffte sie es tatsächlich noch zu beschleunigen. Kurz vor der Tür – diese war bereits bis auf einen kaum mehr bierkastenbreiten Spalt geschlossen – sprang sie vor. In der Luft brachte sie ihren Körper in eine seitliche Lage, streckte die Arme vor, bog die Füße nach unten und hechtete elegant in den Wagen. Dann schloss sich die Tür. Ich musste mich zurückhalten um nicht aufzuspringen, zu jubeln und zu klatschen und spontan eine Siegeshymne zu komponieren. So toll sah das aus. Die Masse der Münchener nahm die Aktion ohne jegliche Regung zur Kenntnis, als wäre es etwas mehr oder weniger alltägliches. Nur ein älterer Herr gönnte ihr ein kurzes Nicken. Profis unter sich eben.

Naja, die Bayern. Andere Länder, andere Sitten… ;-)

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