Gestern ging’s los hier in Köln. Tausende christliche Pilger verstopften Züge und Straßen. Als frei geborener und frei aufgewachsender Atheist stehe ich nun überhalb ausserhalb dieses Events, bin aber mal losgezogen um mir das Spektakel anzusehen. Christen gucken.
Ich muss sagen: Von gläubigen Jugendlichen die wegen einem Kirchenfest aus aller Welt anrücken hatte ich ein vollkommen anderes Bild gehabt. Ich dachte an dicke Mädchen und dürre Jungs die mit akustischen Gitarren und Blockflöten Lieder aus längst vergangenen Zeiten krächzen. An Menschen die zum gemeinsamen Gebet zusammenkommen und die danach eher ein wenig zurückhaltend feiern. An brave Kinder eben.
Was ich nicht erwartet hatte waren in nationalfarben gekleidete Horden die Flaggen schwenkend durch die Straßen ziehen und dabei immer und immer wieder den Namen ihres Landes gröhlen. Ok, bei Holländern und Amerikanern hätte es mich nicht so sehr überrascht. Aber das haben alle gemacht. Ich vermute mal sogar die WM 2006 wird in der Hinsicht ruhiger ablaufen.
Als die Massen dann am späten Nachmittag aus der Innenstadt in Richtung Stadion zum Gottesdienst (was ein passender Ort) zogen und ich mich aus Richtung Stadion zur Innenstadt begab (immer schön gegen den Strom schwimmen, Mitch) und so nochmal knapp die Hälfte der Pilger persönlich anrempeln konnte, musste ich mein Bild der jungen Christen nochmal nach unten korrigieren:
Meine Fresse! Die benehmen sich ja schlimmer als besoffene Kölner an Karneval! Ich meine: Menschenmassen und Alkohol (und davon nicht wenig) führen immer zu einem Toilettenproblem. Klar, da springt man mal schnell hinter einen Baum oder pinkelt in die nächste Hausecke. Aber dass man ganz dreist große Kreise an die Fenster der an der Straße liegenden Unternehmen pinktelt, die sich beschwerenden Mieter verhöhnt und auslacht, naja, das entsprach wirklich nicht meiner Vorstellung von christlichem Verhalten. Jetzt könnte man natürlich sagen: Ausnahmen. Es gibt immer ein paar Idioten. Aber: Während die Sponks ihre Kreise pinkelten zogen grob geschätzt um die 150 Pilger aus mindestens vier Ländern vorbei, unterbrachen kurz ihr monotones Ländernamen-Grölen und jubelten den Jungs zu.
Im Stadion wurde es auch nicht besser: Die Christen der Welt zogen es vor La-Ola-Wellen zu starten und weiterhin sinnlos zu brüllen als den Erzbischof reden zu lassen. Passte aber auch echt besser zur Veranstaltung.
Alles in allem kann ich sagen: Respekt!
Ich bin genauso Fan der Nachwuchs-Christen wie von Eddie Stoiber. Beide schaffen es nämlich mit Leichtigkeit ihre jeweilige Organisation in Verruf zu bringen und verhindern so dass die falschen Leute an die Macht kommen.
Immer weiter so!
Heute war wieder einer dieser Tage. Lauter komische Leute unterwegs, mich selbst eingeschlossen. Auf dem Weg zum Sprachplenum, an der viel befahrenen Universitätsstraße entlang, da kommt von hinten ein Koloss von einer Frau an mir vorbeigeradelt. Auf dem Gepäckträger ein kleines Mädchen, dem Kindergarten noch lange nicht entwachsen. Krampfhaft klammerte es sich fest, was gar nicht so einfach war da erstens Mamas Hintern dermaßen breit war dass kleine Kinderärmchen diesen nicht annähernd umfassen konnten und zweitens weil derselbe Hintern auch so weit über den Sattel rausragte dass die Kleine quasi halb in Rückenlage mitfahren musste. Selbstverständlich ohne Schutzhelm und sonstige Schutzkleidung. Das manche Menschen aber auch einfach nicht mal eine verdammte Sekunde nachdenken.
Kaum habe ich aufgehört leise vor mich hinzuschimpfen, kommt die nächste Irre vorbei. Minirock, bauchfrei, aufgetakelt bis zum geht-nicht-mehr, an der Hand einen kleinen heulenden Jungen hinter sich herschleifend. Ich kriegte nur einen kleinen Fetzen des Gekeifes mit das sie von sich gab, aber das klang ungefähr so: “...unn watt schtellste do disch överhaubt so ahn, de Mattes is doch sowie ne Aasch, der sollt ma so rischtig ein in die Fresse kriege. Hättst dem ma bessa ordentlisch eine gescheppert ahnschtatt hier so rumzuheule!” [1]
Ahja, da werden die kommenden Stützen dieser Gesellschaft schonmal vorab ausgehöhlt.
Nur ein paar Schritte weiter zerrt eine weitere Rabenmutter ihr Kleines mitten über die Straße. Alle fünfzig Meter gibt es Ampeln, aber naja, das Kind soll ja was für’s Leben lernen. Wollen wir nur hoffen dass es auf dem Nachhauseweg die Abstände zwischen den Wagen, deren ungefähre Geschwindigkeit sowie das eigene Tempo halbwegs richtig einschätzt und nicht vergisst dass bei einer vierspurigen Straße die Autos auch mal von der anderen Seite kommen. Den Rest macht dann ja, mangels Erfahrung, das mathematische Grundwissen und das beherrschen unsere Schüler ja besonders gut (wie die Pisa-Studie eindrucksvoll belegt hat).
Während meiner ganzen Flucherei über die Dummheit der Welt habe ich dann die Zeit ein wenig aus dem Auge verloren und musste mich plötzlich sputen. An der letzten Ampel vor’m Ziel angekommen macht diese genau das was Ampeln bei mir immer tun: Sie springt für Fussgänger auf rot. Die Zeit ist knapp und ich husche meiner Phobie zum Trotz noch schnell rüber. Auf der anderen Seite angekommen wird prompt ein zwar kurzer, aber deshalb nicht weniger anklagender Zeigefinger auf mich gerichtet und die dazu gehörige blondbezopfte Vierjährige sagt mit tadelndem Unterton zu ihrer Mama: “Der Junge da ist bei rot über die Straße gelaufen. Das ist gefährlich! Und verboten.”
Raben-Mitch!
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[1] Jaja, kölschen Dialekt schreiben muss ich noch üben.
Sommer. Früher Abend. Auf dem Weg nach Hause durch den Park. Links und rechts die Leute angucken. Rechts am Weg, ein Stückchen weiter vorn, ein Grüppchen Mädels. So zwanzig bis dreißig. Jahre alt – nicht Stück. Quatschend. Eine hat die linke Brust entblößt.
Auf der linken Seite spielen ein paar – Moment! Halb-oben-ohne? Wieder nach rechts geschaut. Ah. Ahso. Ein Baby mit großem Appetit hängt nun fröhlich nuckelnd an der Dame. Die guckt gerade in dem Moment hoch. Sieht mich an. Oh. Unbekannte Situation. Denkt sie jetzt ich gaffe? Was macht man nun? Fröhlich Winken oder das Daumen-Hoch-Zeichen? Ich entscheide mich für kurz lächeln, wieder geradeaus schauen und weitergehen. Will ja niemanden vor den Kopf stossen. Zumindest heute nicht.
Gerade auf der Höhe der Mädels angekommen höre ich Kleinmädchenkichern und einen Spruch der Kategorie “...nur nicht rot werden!”. Ein paar Schritte weiter noch mehr Kichern. Und etwas in der Art von “Herrje, wie prüde!”. Häh? Meinen die mich? Umgedreht. Ja, die meinen mich. Soll ich was sagen? Ach nee, in der Situation hätte eine vernünftige Erklärung keine Wurzeln schlagen können. Also kurz “Ihr habt doch nen Hau, wollte bloss höflich sein und nebenbei gesagt finde ich den Anblick von in Frauenbrüsten verbissen Säuglingen mit rosa Häubchen nicht sonderlich umwerfend!” durch Mimik zum Ausdruck gebracht und weitergegangen.
Da will man mal nett sein und dann sowas. Frauen sind komisch.
Ich weiss nicht warum, aber es gibt da ein kleines, eigentlich belangloses, Erlebnis das ich Ende 2003, ich glaub’ so im November, hatte. Normalerweise vergisst man sowas schnell, aber irgendwie komme ich da nicht so ganz drüber weg. Scheint zumindest so. Vielleicht sollte ich einfach mal ‘was dazu texten.
Ich will eben die Situation mal umreissen: Also, ich sitz’ in der Bahn, ich glaub’ auf dem Rückweg von der Uni, zumindest auf dem Rückweg von Köln. Vierer-Sitz, ist klar, andere gibt’s ja gar nicht mehr. Alleine, ist auch klar, war ja genug Platz, da muss sich ja kein Kauz neben mich setzen. Eine Gruppe Halbstarker kommt in den Wagon, genauer gesagt es waren drei. Ich schätz mal so um die zwanzig Jahre rum, nicht viel jünger als ich, aber eben halbstark, das heisst dumm, großmäulig und vor allem laut.
Damit meine ich jetzt nicht proletenhaft oder so, auch nicht aggressiv oder sonstwas in der Richtung. Nur eben laut. Vermutlich auch das einfach bloss aus Doofheit, es waren halt so Typen die immer ins Handy brüllen – weil der andere ja ganz schön weit weg ist. Wenn man solchen Leuten dann erzählt man wär grad in Holland oder so – oje, dann kann man den Hörer knapp ‘nen halben Meter neben’s Ohr halten und es tut trotzdem noch weh. Aber das ist eine andere Geschichte.
Was ich mit “laut” eigentlich andeuten wollte ist, dass ich jedes Wort ihrer Unterhaltung mithören konnte oder besser gesagt musste. In der Regel hab’ ich ja immer einen MP3-Player für solche Notfälle in der Tasche, aber an diesem Tag war natürlich die Batterie leer. Also habe ich halt denen zugehört.
Nach einigen Belanglosigkeiten über Alkohol, sturmfreie Buden, Arbeitsämter und dicke Tüten schwankte das Gespräch der drei Jungs in den sprachwissenschaftlichen Bereich ab. Ich war leicht überrascht und kann leider bis heute noch nicht rekonstruieren wie das eigentlich passiert ist, aber es war eben so.
Naja, ist ja eigentlich auch Schnuppe denn was mich so mitgerissen hat war das Thema. Es war ein Thema von extenzieller Bedeutung und gleichzeitig umwerfender Schlichtheit: Wie schreibt man “Schamhaar”?
kurz wirken lassen
Also ich dachte immer das wär relativ einfach zu klären. Ich meine ich bin nun wirklich kein Sprachwissenschaftler und bei der Pisa-Studie hätte ich den deutschen Durchschnitt vermutlich noch ein paar Punkte nach unten gezogen, aber ich dachte immer das Zeug heisst Schamhaar weil es an meiner “Scham” wächst. Und Scham ist, so dachte ich, eine, ich sag mal “diskrete”, Beschreibung des Bereichs um das primäre Geschlechtsorgan. Und weiterhin mutmaßte ich eine Verbindung zwischen “Scham” und “schämen”, vielleicht sogar biblischen Ursprungs, schließlich entdeckten die beiden Nackten im Paradies nach dem Genuss des Apfels vom Baum der Erkenntnis dass sie eben genau das sind: Nackt. Und da schämten sie sich und bedecken den Grund ihres Schams (eben ihre Scham) mit Blättern.
Ich würde dafür jetzt nicht meine Hand ins Feuer legen, aber es hört sich doch zumindest ein wenig plausibel an und wenn es falsch wäre, so hätte ich doch zumindest einen “guten Grund” für meinen Fehler. Wie früher in Mathe, Lösung falsch: 0 Punkte, aber 2 Punkte für einen interressanten Ansatz.
Aber ob ich nun richtig oder falsch liege ist ja auch gar nicht Thema dieses Textes und ausserdem völlig egal, denn was ich mit ziemlich großer Sicherheit sagen kann, ist dass es zumindest nicht “Charme-Haar” geschrieben wird. Diese Version wurde nämlich von besagter Horde für richtig befunden. Charme wie der Charme, genau das meinten sie.
Ich war verblüfft, ich fragte mich wie konsequent diese Vögel denn eine Begriffsverschiebung dieser Art wohl durchziehen würden. Ich meine wenn sie nun jemanden als “charmant” bezeichnen – meinen sie dann dass diese Person mit extremen Haarwuchs in der Intimzone zu kämpfen hat? Und wenn ihnen ihre Mutter rät charmant zu ihren Freundinnen zu sein, puh, was passiert dann wohl? Holen sie King Dingeling direkt im Restaurant beim ersten Date raus? Oder lenken das Tischgespräch ganz locker zum Thema Haar-Hygiene und -Mode im Bereich der Fortpflanzungswerkzeuge? Nicht auszudenken.
So, nun ist es raus, ich hoffe ich kann jetzt wieder ruhig schlafen.