Vor ein paar Tagen ist mir aufgegangen: Es sind nur noch drei Monate für mich hier in China. Dann geht es wieder zurück nach Deutschland. Den Tag erwarte ich mit gemischten Gefühlen.
Auf der einen Seite habe ich mich auch nach neun Monaten noch nicht an die kleinen nervigen Dinge hier gewöhnt. Ans andauernde Anstarren zum Beispiel. An die ganzen “Hello“-Rufer. An die Taxis. Ans Rotzen, Schneuzen, Rülpsen und Popeln. An den ganzen Geschmacksverstärker im Essen. An Läden in denen mehr Service-Kräfte als Kunden rum lungern und die dort nichts anderes machen als im Weg herum zu stehen oder auf Schuh-Regale zu deuten. An das “Explosion Testing Center” (laut Andrej, habe es selbst noch nicht gesehen, nur gehört) das hier mindestens zwanzig mal am Tag die Fenster scheppern lässt. An die Sache, dass Chinesen nach meinen Maßstäben weder Auto fahren noch parken können. An viel zu volle Verkehrsmittel. An Leute die auf dem Sportplatz spazieren gehen und mich zum Zickzack-Lauf zwingen. An die nervigen Versuche mir Sachen grundsätzlich zum zehnfachen Preis andrehen zu wollen. Und und und…
Auf der anderen Seite will ich hier nicht weg. Ich würde so einiges vermissen. Die Art zu Essen, zum Beispiel. Wo nicht jeder mit seinem eigenen Teller auskommen muss, ob es nun schmeckt oder nicht. Und Essstäbchen, die in den meisten Fällen soviel praktischer sind als Messer und Gabel. Oder die entspannte Atmosphäre hier, wo niemand blöd angeguckt wird nur weil er im Schlafanzug einkaufen geht oder weil er direkt vorm Supermarkt Fitness-Übungen macht. Wo die örtliche Tanzschule ihre Klassen auf dem nächstbesten Platz abhält. Die Art der Menschen, sich einfach und überall hin zu hocken und zu quatschen oder Spiele zu spielen. Wo keiner Berührungsängste hat und auch Leute, die sich zum ersten Mal treffen, sich stundenlang unterhalten können. Wo immer etwas los ist und es immer etwas zu gucken gibt. Wo man Anstarren kann wen und was man will, ohne befürchten zu müssen jemanden zu beleidigen. Wo die Leute sich freuen wenn man mit ihnen spricht und sich meist große Mühe geben, einem zu helfen. Und und und…
Ich komme auf jeden Fall wieder! ![]()
In der letzten Zeit ist es besonders schlimm, da die Luft voll von fiesem, feinem Staub ist. Alles ist bedeckt davon. Und saubermachen ist auch eher sinnlos, schließlich ist es nach wenigen Stunden alles wieder da. ![]()
Pfui.
Gestern war ich mal wieder laufen. Das erste Mal in diesem Jahr. Ganz übel.
Wurde höchste Zeit dafür. Meinen Bauch habe ich in China nämlich, anstatt ihn mir ab zu trainieren wie eigentlich geplant, einfach mal verdoppelt. So kann ich diesen Sommer definitiv nicht an den Strand. ![]()
Aber, das Leben lehrt, es gibt natürlich immer noch dickere Bäuche. Wie zum Beispiel die der drei chinesischen Kinder, die dort von ihren Eltern zum Abspecken getrietzt wurden. Die waren aber auch ganz schön dick. Und auch schon ganz schön fertig als ich ankam. Aber hey, so ein Laowai auf dem Sportfeld, das muss man doch ausnutzen. ![]()
Also wurde jedes Balg mal dazu genötigt, mir doch eine Runde hinterher zu laufen. Einzeln. Was also dazu führte, dass ich drei ganze Runden lang einen übergewichtigen Zehnjährigen hinter mir her schnaufen hatte. Und geschnauft haben die! Halleluja. Bei einem bin ich dann sogar extra was langsamer gelaufen, ich dachte der kriegt sonst noch ‘nen Kollaps und kippt aus den Latschen. ![]()
Für die einen ist es ein Abschiedsgruß, für die anderen ein Fluch.
Meine Sprachpartnerin fragte ganz verwundert, was wir Deutschen denn da immer zum Abschied sagen, das höre sich so böse an.
Und ja, aus chinesischer Sicht hört sich ein nettes Tschüss recht ähnlich wie 去死 (qù sǐ – Geh sterben) an. ![]()
Die letzten Tage, kurz notiert:
Ferien: Wir haben Ferien. Aber nur eine Woche lang. Ich hatte überlegt nach Beijing zu fahren um Klamotten einzukaufen, denn in Dalian ist das eine nicht so einfache Sache. Alles ist entweder teuer oder hässlich oder schrottig. Aber ich habe es mir dann doch anders überlegt, denn Zugfahrten und Hostel kosten ja auch Geld, da kann ich auch hier direkt etwas teurere Sachen einkaufen. ![]()
Klassenprimus: Das bin ich! Naja, zumindest im mündlichen Teil unserer Mitt-Semester-Prüfung. Vom schriftlichen Part habe ich noch kein Ergebnis, aber der wird nicht sooo gut ausfallen. Preis des Ruhms: Jetzt muss ich noch an einem Redewettbewerb teilnehmen. Genau meine Stärke: Auf einer Bühne in einem großen Saal vor vielen Leuten sprechen. ![]()
Zoo: Schulausflug in den Zoo. Hehe. Für den Zoo gilt aber wie so oft in China: Gute Idee, miserable Umsetzung! Ich kann mir das damalige Planungskomitee bildlich vorstellen: “Hey, lass uns ein riesiges Gelände bebauen!” “Super Idee, warum nicht gleich zwei?” “Auja, auf zwei Seiten eines Berges, und dann bauen wir eine Seilbahn dazwischen!” “Toll! Und eine Einschienenbahn in den Zoo selbst!” “Jaaa, und überall so abgefahrene Dekorationen hin.” “Und riesige Gehege!” “Jaja, und Freigehege wo man mit den Auto durch kann!” Gesagt, getan. Und als dann alles fertig war, hat einer ganz hinten aus der letzten Reihe vorsichtig seine Hand gehoben: “Äh, sagt mal, Tiere wären doch auch eine gute Idee, oder?” Tja, dafür war aber kein Geld mehr da. Also gibt es jetzt bloß zirka zehn verschiedene Arten in dem Zoo. Und dann auch noch auf beiden Seiten des Berges die gleichen. ![]()
Servietten: Bestandteil eines koreanischen Trinkspiels. Eine Serviette wird zwischen die Lippen geklemmt, der nächste Spieler in der Reihe reißt mit dem Mund einen Fetzen ab. Dann muss der Spieler danach das gleiche machen, aber eben vom Fetzen des zweiten Spielers. Und immer so weiter. Bis einer kein Stück mehr abreißen kann oder einem der letzte Fetzen aus dem Mund gerissen wird. Der muss dann fiesen koreanischen Schnaps trinken. Notiz an mich selbst: Dieses Spiel nie wieder mit drei Jungs und einem Mädel spielen!
Mal wieder festgestellt, Koreaner ticken etwas anders, Typen haben kein Problem damit einem anderen Typ das letzte Stückchen Serviette von der Zunge zu klauben, sobald aber ein Mädel dabei ist, werden sie nervös. Ich sehe das vollkommen anders, was dazu geführt hat, dass ich andauernd trinken musste. Gegen 02:00 Uhr habe ich dann doppelt gesehen. Ein Auge zugekniffen, dann ging es wieder. Zum Karaoke gefahren und dort eingeschlafen. ![]()
So ist das Leben…